She’s the all-american girl.

Früher, als ich hier in die Gegend zog, lernte ich ein Mädchen kennen. Wir sahen uns das erste Mal an der Schulbushaltestelle, unterhielten uns immer öfter & trafen uns ziemlich bald auch privat. Unser Haus lag damals ca. 50m Luftlinie von ihrem entfernt, einmal durch das kleine geforstete Stück & schon war man da. Meist waren wir bei ihr, weil sie direkt an der Illmenau gewohnt hat. Von ihrem Haus aus ging man durch den Garten zu einem kleinen Gartentor & war direkt dort. Ein holpriger Weg, den man egtl nicht mal hätte Weg schimpfen dürfen. Es war mehr plattgetretene Erde, & wenn man gestolpert wäre, wäre man vermutlich im Fluss gelandet. Dort beschlossen wir damals auch, zu rauchen. Irgendwann zogen wir uns eine Schachtel aus dem Automaten, gingen an unseren Platz & fanden uns ziemlich cool.

Oder wir bauten einen Staudamm, direkt an unserem Haus, wo ein kleines Bächlein floß. Ich hatte irgendwann, als wir frisch hingezogen waren, eine Art Brücke gebaut. Wenn ich mich wieder viel zu spät aus dem Haus kam, um den Schulbus rechtzeitig zu erreichen, erwies sie sich als ziemlich nützlich. Zumindest solange, bis ich irgendwann in der morgendlichen Hetze darauf zusammen brach & mit beiden Beinen im Wasser stand. Aus den Überbleibseln & Stöcken aus dem Forststück bauten wir dann also einen Staudamm.

Oder wir fuhren mit dem Fahrrad durchs Dorf, zum Spielplatz, zu den kleinen Nebendörfern, zum Steinbruch, zu Spar, um uns Bonbons & Gummitierchen zu holen. Oder aber wir spielten oben in ihrem Zimmer Mini Playback Show, legten eine Bravo Hits auf & sangen in runde Gebilde. Manchmal kam ihre Mutter hoch oder wir gingen in die Küche & sie machte uns Stullen.

Ich fragte sie, wo egtl ihr Vater sei, denn ich hab‘ ihn in der ganzen Zeit nie gesehen, aber getrennt waren ihre Eltern nicht, das sagte sie mir, als wir irgendwann im Wohnzimmer saßen & Fernsehen guckten. Sie erzählte, ihr Vater sei in den USA, er sei ja auch Amerikaner, er regele dort Sachen, weil es angedacht war, dass sie & ihre Mutter auch dorthin ziehen können. Das hätte mir vermutlich, beim Blick auf ihren Nachnamen, irgendwann auch mal aufgefallen sein können.

Ich weiß noch, wie wir unten bei ihr in der Küche standen & über die englische Sprache gesprochen haben. Ich dachte, es würde für sie ziemlich schwer werden, nur noch Englisch zu sprechen, wo sie doch schon so lange Deutsch sprach. Ich glaube, damals hatte sie auch ein bisschen Bedenken, zumindest so viele, wie man in dem Alter haben kann.

Das war 1998/99. Jetzt haben wir 2011.

Ich weiß nicht, ob es romantisch klingt oder einfach nur ein wenig überzogen. Aber es war nie so, dass ich vergessen hätte. Ich hing immer irgendwie an der Zeit, die wir hatten. Natürlich ist es nachvollziehbar, weil sie die erste Person war, die ich Freundin nannte, als wir hierhin zogen. Die Person, mit der ich am meisten Zeit verbrachte & vermutlich den meisten Spaß hatte. Es war auch nicht so, dass der Kontakt abrupt abbrach, als sie nach Clearwater umzog. Wir schrieben uns noch weiter Briefe & als sie zu Besuch hier war, gab‘ es im Schuppen, der zu ihrem alten Haus gehörte, eine große Willkommensparty. Anschließend kam sie mit zu mit & schlief eine Nacht bei mir.

Nach einer Woche ging es zurück nach Amerika. Wir telefonierten noch ein paar Mal & schrieben uns Briefe, bis das auch irgendwann im Sand verlief. Sie zog in ein anderes Haus, ich hatte ihre Adresse nicht mehr, genauso wenig wie eine Telefonnummer. Das einzige, aufdas ich hoffte, war, dass sie sich meldet. Ich fand’s die erste Zeit auch nicht schlimm, als sie sich nicht mehr meldete, wahrscheinlich kamen mir keine großen Gedanken diesbezüglich in den Kopf, keine Sorgen oder ähnliches.

Irgendwann zogen wir dann auch vom Dorf in die Stadt. & auch, wenn es die nächstgelegene Stadt vom Dorf war, hatte ich tierische Probleme mich einzugewöhnen, zumal ich gerade eine neue Schule besuchte (oder es zumindest versuchte) & so kam es, dass ich öfter an sie denken musste. Letztes Jahr habe ich sie über Facebook wieder gefunden.

& plötzlich merkt man, wie sehr die Zeit mitgespielt hat. Man sieht Photos an Stränden, wie man sie aus den ganzen Teenagerfilmen kennt. Man sieht Leute, die ihre Freunde sind & hat plötzlich typisch amerikanische Bilder im Kopf. & man merkt, dass das Mädchen, mit dem man früher gespielt oder sonstigen Quatsch gemacht hat, the all-american Girl ist. Das sie egtl nichts mehr von dem ist, was ich in Erinnerung habe.

Manchmal wünschte ich, ihre Erinnerungen wären auch meine. Manchmal hoffe ich, ihr liegt genauso viel an der Zeit. Aber ich weiß, dass sie lebt. Ich vegetiere. Ich übe mich im Leben in der Vergangenheit. Nennt es, wie ihr möchtet… Aber wisst ihr – Genau das ist es, was manchmal so schwer ist. Zu glauben, dass die Vergangenheit passé ist. Zu realisieren, dass man in der Gegenwart leben muss. Aber es doch immer heißt, dass die Vergangenheit das ist, was heute aus uns geworden ist. Sich damit abzufinden, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, um was zu ändern…

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~ von Miss Ann Thropy - 14. April 2011.

7 Antworten to “She’s the all-american girl.”

  1. Es klingt vielleicht ein bisschen rührseelig, aber ich würde ihr diesen Post zeigen. Ich denke nicht, das sie das alles auch schon vergessen hat…

  2. Die Idee find ich eigentlich gar nicht schlecht. ich mein mehr als eine Bestätigung dessen was du eh glaubst kann nicht bei rum kommen 😉

    Blöd wäre nur wenn sie nicht mehr gut genug deutsch kann. ^^

    ansonsten würde ich das hier „Aber wisst ihr – Genau das ist es, was manchmal so schwer ist. Zu glauben, dass die Vergangenheit passé ist. Zu realisieren, dass man in der Gegenwart leben muss. Aber es doch immer heißt, dass die Vergangenheit das ist, was heute aus uns geworden ist. Sich damit abzufinden, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, um was zu ändern…“ genauso unterschreiben…

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