Schuld.

Es gibt Tage, an denen Leben einfach noch weniger Spaß, als es eh schon tut. An denen man sich von sämtlichen, vllt sogar gut gemeinten Sachen einfach angegriffen fühlt. Tage, an denen man sich aufgrund seiner eigenen Existenz schuldig fühlt. An denen man das Gefühl hat, dass alles, was man tut, einfach nur falsch ist. Das Leben ein riesiger Irrtum ist.

& dann ging ich ins Wohnzimmer & wollte nett sein. & sagte, dass, wenn er etwas von Edeka haben will, dies aufschreiben soll, damit ich’s mitbringe, weil ich dort morgen hingehen wolle. & wieder kamen wir auf eins der ständigen Themen. Arbeit. Geld. Oder beides.
& dann plötzlich kommt es zu Konversationen, von denen man einfach nicht weiß, was man davon halten soll. Wie sie zu interpretieren sind.

X: Geh mit dem Geld doch erstmal ’nen Perso machen!
Ich: Mach ich doch!
X: & wie sieht’s mit Arbeit aus? Haste da mal im Internet geguckt?
Ich: Ja, aber da kommen nur andere Stellen.
X: Dann geh doch mal zur Caritas oder so.
Ich: Das sind dann aber wieder Stellen, die vom Arbeitsamt vermittelt werden.
X: Was hat’n das Arbeitsamt damit zu tun? DU sollst ja dahin gehen & fragen. Der Arzt hat nämlich gesagt, dass das psychosomatisch ist, was ich habe. Weil ich mir so viele Gedanken mache. & dann schlägt das auf den Körper.
Ich: Ich weiß, was das ist, ich hab so was auch.
X: Das hab ich ja auch nicht abgestritten.
Ich: Mhm.
X: Aber das kann ja so auch nicht weiter gehen. Irgendwas musste ja machen […]

Das kann ja so auch nicht weitergehen. So ziemlich einer der Sätze, die ich in den letzten Wochen an häufigsten gehört habe. Das dem so ist, spricht eher gegen mich. Zugegeben. Das ich es auch erst jetzt gebacken kriege, meinen Perso zu beantragen, genauso wenig.
Jedoch frage ich mich: Was möchte der Sprecher mir damit sagen? Irgendjemand Vorschläge?
Ich kann zumindest offenlegen, was bei mir angekommen ist: Du bist Schuld, dass es mir scheiße geht, weil Du einfach nicht arbeiten gehst.
Gut, in meinem Hirn kommt auch ganz viel Quatsch an, der in etwa Sachen sagt wie faules Stück, unfähiges Stück, usw., weiß aber, oder denke zumindest, dass es eben nur Quatsch ist. 

Es reißt mich runter. Massiv. Auch (oder erst recht?), wenn es mir okay oder gar gut geht. Ich weiß, dass ich Kummer bereite. Daran lässt in meiner Familie auch keiner Zweifel, denn ich bekomme bis heute zum Geburtstag, wenn ich denn eine Karte bekomme, gerne nach dem beiläufigen Herzlichen Glückwunsch-Geblubber gerne noch ein „&mach Deinem Vater nicht so viele Sorgen“ oder „Ärger Deinen Vater nicht so“ hinterher geschoben (Möchte jemand so ’ne Karte sehen?). Mittlerweile geb ich, nach dem ersten Stich ins Herz (Ich bin nämlich gewohnt, dass man dem Geburtstagskind was Gutes wünscht & nicht dem Erziehungsberechtigten) ’nen Scheiß drauf, was sie denken. Aber man tritt doch in den seltensten Fällen (es sei denn, man ist stinkwütend oder ähnliches) auf jemanden ein, der diesbezüglich schon am Boden liegt. Man streut nicht Schuld, wenn man dort jemanden hat, dessen Meisterdisziplin Schuldempfinden in Reinkultur ist. Ich frage mich einfach, ob er so ignorant ist, dieses Schuldbewusstsein meinerseits schon immer ignoriert zu haben oder es genau deswegen zu streuen, damit ich Druck empfinde & etwas tue. Ob er wirklich ignoriert hat, dass ich, wenn ich unter Druck gesetzt werde, genau Gegenteiliges tue. Ob er so ignorant ist…

& auch wenn man gesunder Menschenverstand mir sagt, dass ich, selbst als Nonarzt, diagnostizieren kann, dass das Innereien auskotzen & Husten ganz sicher nicht psychosomatisch ist, sondern viel mehr davon kommt, dass man ca. 75-100 Zigaretten am Tag raucht, sagt mir mein ungesunder Menschenverstand, dass ich schuld bin. Weil ich nichts mache. Weil ich andere Menschen nur belaste. & gleichzeitig möchte ich ebenso meine Innereien nach Außen bringen, weil sich gesund & ungesund kabbeln, ich total überfordert bin & mein Hirn schlicht & einfach den leichten Weg nimmt. & mich vorerst erstmal heulend irgendwo rumsitzen lässt.

Zwar schaff ich es irgendwie, mich recht schnell wieder zu beruhigen, aber es bleibt dort. Im Kopf. Im Hirn. In der Erinnerung. Wie die anderen Fälle, in denen es schon passiert ist. Die Fälle, in denen mir gesagt wurde, ich wäre Schuld, dass es ihm schlecht geht. Die Fälle, in denen mir gesagt wurde, ich würde ihn zerstören.
& sie werden nicht weggehen, diese Erinnerungen. Sie werden da bleiben. Weil es eins der schlimmsten Sachen ist, was man anderen Menschen vorwerfen kann.

& ich bin traurig, weil ich mich schuldig fühle. & ich bin sauer, weil ich so gerne losschreien möchte, dass man sich dann doch keine Kinder anschaffen soll.

Es ist egtl überflüssig zu erwähnen, dass ich auf einer Psychosomatikstation war, als ich in der Psychiatrischen war. Das macht es für mich nur noch trauriger, wenn ich dran denke, dass er mir versuchte zu erklären, was Psychosomatik ist. Es macht mich traurig, zu vermuten, wie wenig Interesse er an dem hat, was ich tue. Dafür viel mehr an dem, was ich nicht tue. Es stimmt mich traurig, dass er mich gar nicht kennt.

Man fühlt sich allein. Komplett von der Welt abgetrennt. Unverstanden. Von der gesamten Welt. Oder zumindest denen, die Dir in die Quere kommen.
Es ist niemand da, der Dich in den Arm nehmen kann. & selbst wenn, wäre man dazu in der Lage, es geschehen zu lassen?
& das Einzige, was man hat, ist ein beschissener Blog.
Wie arm das ist.

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~ von Miss Ann Thropy - 9. September 2011.

2 Antworten to “Schuld.”

  1. Du sollst schuld daran sein, wie es ihm geht? Nur du ganz alleine? Vielleicht wäre dann ein wenig Hilfe angebracht. Aber Druck alleine und ewig nur zu sagen „Mach doch mal dies“, sind wenig hilfreich. Fühl dich mal gedrückt, Purzel.

    • Na ja, er sagte ja nicht, dass ich Schuld bin. Nur für mich kommt es, durch die Blume gesagt, so an. Die Konversation da oben ist ja in etwa, wenn auch nicht ganz, O-Ton. & ich empfinde das halt auch so. Gewohnheitsweise. Wie gesagt, war ja nicht das erste Mal, dass ich mir so was anhören durfte.
      Danke, Scnuffel 🙂

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