Lasst mich nicht mit mir alleine.

oder auch: „Du musst, Du musst, Du musst“.

& so stand ich gerade 10 Minuten auf dem Dachboden, hing Wäsche auf. Immer begleitet von einer Stimme im Hinterkopf, die sagte „Du musst. Du musst. Du musst.“

Das Gespräch mit meiner Oma wirkt noch nach. Sie rief eben an, mein Vater hat heute Geburtstag, meine Tante war bei ihr & wollte ihm gratulieren. Er war nicht da.
Gespräche mit meiner Oma sind.. Ja, wie sind sie egtl? Beschissen. Darüber, dass sich beim ans Telefon gehen keiner meldet, sehe ich mittlerweile hinweg. Damit, dass schon gar nicht mehr „Hallo“ gesagt wird, sondern gleich „Ist der Papa da?“ ins Telefon gebrüllt (Schwerhörigkeit & so) wird, habe ich mich mittlerweile auch abfinden müssen.
Womit ich mich aber keineswegs abfinden kann, ist die Sache, dass die standardisierte „Wie geht’s?“-Frage übersprungen wird & gleich zu einem „Hasse immer noch keine Arbeit?“ führt. Nein, hab ich nicht. Fände dafür Alibiinteresse bezüglich meiner Verfassung trotzdem ganz dufte. Halte die Fresse. „Aber Du musst doch Geld verdienen!“ Blutdruck: 189. Verstand: am Durchdrehen. Versuche es mit einem mittelzickigen & langgezogenen: „Ja, Oma.“ (Oma mit kurzem O)
Schweigen. 30 Sekunden. Fühle mich währenddessen geschlagen, minderwertig, zu nichts nutze. Denke mir imaginär eine Navistimme ausm Off, die sagt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Sie lenkt ein (oder hat einfach die Schnauze voll vom Schweigen) & fragt, ob nun meine beiden Tiere tot sind. Bejahe. Schweige. „Ja, dann mach’s mal gut.“

Ich umgehe gewöhnlicherweise sämtliche Gespräche mit meiner Oma. Genau genommen sogar mit meiner Familie meinen Verwandten. Fragen nach Befindlichkeiten werden grundlegend ausgespart. Ich finde das manchmal ganz angenehm. Hab meist eh keine ehrliche Antwort auf Lager. Aber auf geheuchelte Fragen könnte man auch hervorragend geheuchelt antworten. & dann, dann kommt immer wieder die Frage, ob ich denn endlich arbeite. Mit diesem Unterton, der einem schon vermittelt, dass es genauso vorwurfsvoll klingen soll, wie es eben tut.
Ja, ich weiß, dass es meine Oma nicht böse meint. Ich nehme auch an, dass sie & alle anderen gar nicht merken, wie sie mich damit indirekt unter Druck setzen. Mir vermitteln, dass ich viel weniger Wert bin als arbeitende Leute. Das Arbeit das Statussymbol No.1 ist. Arbeit das Wichtigste ist, vor allem anderen.

& auch, wenn ich mich beherrschen kann, nicht auszurasten, möchte ich sie alle anschreien. Wie beschissen sie alle sind. Wie sie alle ihre Fresse halten sollen & sich um ihren eigenen Scheiß kümmern sollen. In ihrem ach so perfekten Leben, in dem man sich alles so zusammenheucheln & jammern kann, wie man will. In dem man schön 2x im Jahr in den Urlaub fahren kann, um sich dann zu beschweren, dass man ja kein Geld hat. Da muss man dann auch schon mal das zweite (!) Auto verkaufen.
Ich möchte losschreien, dass ich ihnen wirklich mal wünschen würde, nur für einen einzigen Tag, das Leben an sich nicht zu ertragen, sich so schlecht zu fühlen, dass der einzige Wunsch zu sterben ist.

Aber ich weiß, dass sie sich nicht mal vorstellen können, dass es einem so schlecht geht, dass man Leben eben nicht mehr erträgt. Denn es gibt ja keinen Grund. Da Leben ist nicht schön, das Leben ist nicht schlecht, es ist einfach da.
Genau, es ist da. Das ist manchmal mein verschissenes Problem. Es ist da & will einfach nicht abhauen. Nervt mit seiner Daueranwesenheit & bleibt, egal, wie viel man jammert.

Du musst, Du musst, Du musst. 

& mit jedem Menschen, mit dem ich lange nicht mehr gesprochen habe, will ich telefonieren, aber kann es nicht, weil es genau das ist, was ich befürchte. Die Frage nach der Arbeit. Das Gefühl, ohne Arbeit nichts wert zu sein. Keine Lebensberechtigung zu haben. Nichts für die Gesellschaft zu tun. & das bin ich doch der Gesellschaft schuldig. Ja, blabla, ich weiß, dass ich niemandem außer mir was schuldig bin. Ich kann es einfach nicht ertragen.

Du musst, Du musst, Du musst.

Es ist so grotesk, 6 Wochen in einer Bude gesessen zu haben, in der einem immer & immer wieder eingetrichtert wird, dass man gar nichts muss, einem danach aber immer & immer wieder gesagt wird, dass man muss. 6 Wochen gelehrt wurde, zuzugeben, wenn es einem schlecht geht, aber danach jedes Mal, wenn man es versucht zu vermitteln, drüber hinweg gesehen wird, als wäre nichts.

& ich weiß, dass es ein riesiger Rückschritt ist (wenn auch nicht gerade der neuste), aber es geht nicht aus dem Kopf. Du musst. Stark sein. Du musst stark sein.

Advertisements

~ von Miss Ann Thropy - 12. September 2011.

2 Antworten to “Lasst mich nicht mit mir alleine.”

  1. Ich weiß nicht, ob ich das da richtig raus lese. Aber ich hab immer noch den Eindruck, das es dir sehr wichtig wäre, zu deinen Verwandten ein gutes, familiäres Verhältnis zu haben. Den Gedanken, das man zwar recht gern allein ist, aber jemanden in der Nähe hat… Keine Ahnung, ob du verstehst, wie ich das meine… Aber sowas zu lesen, das tut weh. Das nichtmal gefragt wird, wie es dir geht und alles nur an nem Job festgemacht wird… Ich wünschte, ich könnte irgendwie helfen :/

    • Nein, ich will kein gutes Verhältnis. Ich will einfach nur mal, dass die aus ihrem teilweise dämlichen Kosmos rauskommen. Das sie die Einfältigkeit, die sie teilweise an den Tag legen, ausschalten & sch auch mal für andere Sichtweisen offen machen. Aber es gibt eben nur diese eine Sichtweise. Ich will, dass sie einfach nur mal ein bisschen Empathie zeigen. Selbst wenn es geheuchelt ist.

&, noch was zu sagen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: