You come undone.

Manchmal, wenn ich einen psychischen Tiefpunkt erreicht habe, rede ich mir gerne ein, dass nun alles anders wird. Zugegeben, der Tiefpunkt ist nicht so tief, als das unten nicht noch der Platz des Mariannengrabens Platz hätte, aber.. Gut ist auch mehr so das Gegenteil. Nach meinem mittwöchigen Zwischenfall & dem darauf sehr kurzweiligen Spannungsabbau, dachte ich mir Freitag erstmal: „So, & jetzt nehmen wir unser böses, fieses Leben mal in die Hand & bewegen unseren Hintern mal zum Arbeitsamt, um einen Termin bei der Berufsberatung auszumachen.“ & so saß ich tatsächlich um halb neun in einem Großraumbüro der ARGE & machte mit einem be-t-shirteten Menschen einen Termin aus. Mitbekommen habe ich, man spart ja nicht an Papier, einen Fragebogen als auch den Ausdruck meines Termins.

So machte ich mich weiter auf den Weg in eine, hier im mittleren Norden etablierten Bäckereikette, bestellte mir einen dunklen Moccacino, gelangte an eine besonders freundliche Ausgabe einer Bäckereifachverkäuferin, die einem mit ca. 123 Dezibel & der Sympathie eines Massenmörders ins Gesicht schreikackt: „HEIß?“ – „Heiß wäre gut, freundlich aber noch besser, dumme Fotze!“, dachte ich, sagte aber etwas prätentiös, dafür aber in der selben Dezibelzahl „WAAAAAS?“, um letztendlich doch herauszufinden, dass im Geiste einer Bäckereifachverkäuferinnen kein Sinn für Sarkasmus haben. Memo an mich selbst: Keine Bäckereifachverkäuferin werden. Als hätte ich in meinem Alter noch die Wahl, mir auszusuchen, was ich tun will.
Schnappte mir also meinen Kaffee, sowie mein Buch & machte mich daran, wie ein normaler Mensch zu leben. Oder zumindest so zu tun. & während ich mir also dieses, für mich irgendwie ein kleines bisschen triggernde Buch & dieses koffeinhaltige Getränk einverleibte, merkte ich, dass das, was ich da grad tue, früher der absolute Horror gewesen wäre. Das ich genau das als Flucht vor Zuhause nehme. Na ja, & dass der Kaffee neuerdings durchschnittlich schmeckt, auch das merkte ich. Wohl seit sie ihn in Doppelwandigen Glas-Plastik-Bechern servieren & ohne Sahne drauf.
Nach einer Stunde Lesen & das auf den Laden übergreifende Gespräch am Nachbartisch über die Schlagzeile einer deutschen Zeitung aus dem Hause Springer flüchtete ich aus dem Etablissement der Puddingteilchen & Körnerbrötchen, um mich in diversen Drogeriemärkten einzufinden & Mädchensachen zu kaufen.

Kaum war ich Zuhause, fand ich den Meister der psychosomatischen Leiden aufm Küchenboden beim Schrubben. Es folgte eine dieser weiteren sinnlosen Diskussionen, in denen ich wieder die erwachsene Seite einnahm („Rauch bitte [allein schon das bitte!]mal weniger. Ich mein es ja nicht böse,aber..) & Herr Infantil seines Namens entsprechende Äußerungen von sich gab (Warum? Ist doch egal, woran man verreckt.“), ich ob dieser Äußerungen mal wieder einen gut versteckten Heul-/Kreis-/Imaginäreinprügel-Anfall bekam mit der Erkenntnis, dass er es wohl, egal wie oft ich es sage, nicht verstehen wird wie unglaublich geschmacklos diese Aussage egtl ist, der weiteren Erkenntnis, dass das, was ich sah, damals, die Sache mit den Medikamenten, in unserer Familie Verwandtschaft offenbar nichts falsches ist, etwas total normales ist & es der Inbegriff von Coolness ist, geschmacklose, dumme, verletzende, rücksichtslose Sachen von sich zu geben. Ließ mich daraufhin mit 20€ abspeisen, die ich bekam, weil ja Freitag ist, was eine unglaublich logische Erklärung war, vor allem aber wohl daraufzielte, mir wirklich glauben machen zu wollen, man könne mich mit Geld vom Diskutieren abhalten & bestechen. Das ist leider nicht der Fall, was mich aber nicht daran hinderte, das Geld trotzdem an mich zu nehmen & nicht weiterzudiskutieren (Was ich auch ohne das Geld getan hätte), da ich mir über die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens überaus bewusst bin & in letzter Zeit sowieso sehr gereizt auf überflüssig von mir verschwendete Worte reagiere.
Manchmal frage ich mich wirklich, ob er mich für so unglaublich beschränkt hält.. Meist beantworte ich mir diese Frage mit Ja.  Zumindest denken wir beide übereinander das Selbe.

Nach meiner Einkaufsession setzte ich mich dann an die Zettel, die mir der Großraumbürofritze mitgab. & prompt entgleisten mir sämtliche Gesichtszüge. Die Sache mit den Perso ist ja nunmehr kein Problem. Dafür werde ich nun gebeten, zusätzlich Bewerbungsunterlagen & eine Kopie des letzten Zeugnisses mitzubringen. Letzteres ist kein Problem. Ersteres dafür umso mehr. Ich habe nun bestimmt seit.. vier oder fünf Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben. Genau genommen könnte ich so etwas nicht mal aus dem Kopf zusammenbasteln.
Das war der erste Moment, in den ich mich selbst verfluchte, es in die Hand genommen zu haben.

So wandelte sich mein Vorhaben in meinem Kopf von Gut gemeint in Ziemlich beschissen gemacht. Was soll ich machen, eine neue schreiben, die alte mitnehmen? & was ist, wenn diese Frau doof ist? Wenn sie böse ist, wenn ich sie mir Angst macht, ich sie nicht mag oder sie gar mich? Was ist, wenn ich mich wieder in die Enge gedrängt fühle? Der ganze Termin ganz fies in die Hose geht, aufgrund abhanden gekommener Fähigkeiten in sämtlichen Lebenslagen?

& plötzlich passte es alles wieder ins Bild. Alles brach zusammen. Wir, die wir keine Freunde mehr sind. Nicht in irgendwelchen asozialen Netzwerken & einen Sonderplatz in der Liste der gesperrten Nummern hat er auch gleich mitbekommen. Man ist ja gönnerhaft. & meine Luftschlösser lassen sich schließlich auch nicht mehr aufbauen.
Am Anfang war es nur Wut, Fassungslosigkeit & der Wunsch auf Entledigung körperlicher Weichteile.  Momentan ist es gar nichts. Da ist kein Gefühl, was gut oder schlecht wäre. Es ist einfach nur das Wissen, dass dort etwas nicht mehr ist, was da war. Nichts schmerzhaftes oder beunruhigendes. Aber es wird kommen.
Das Schwere ist jedoch nicht, die Entscheidung zu treffen. Schwer ist es nur, die Entschiedenheit & Richtigkeit dieser Tatsache zu begreifen & sie konsequent vor sich selbst zu vertreten.

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~ von Miss Ann Thropy - 23. Oktober 2011.

4 Antworten to “You come undone.”

  1. Keine Ahnung was ich sagen soll. Kenne ich irgendwie alles.
    Toller Artikel, schön geschrieben.

    Worte fehlen mir, also bleibt mir nur:

    *mal in den Arm nehm*
    Du darfst auch reinbeissen, wäre mir irgendwie lieber.

  2. Falls Du Unterstützung beim Verfassen einer aktuellen Bewerbung brauchst sag bescheid.

    • Ich brauch bei so ziemlich vielem Unterstützung, ausgenommen beim Schreiben von Bewerbungen. ^^
      Bringt ja auch nichts, so zu tun, als könne ich es, also werde ich ihr meine Unfähigkeit diesbezüglich auch mitteilen, alles andere wäre gelogen.
      Na ja, trotzdem Danke oder so.

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