Die Sache mit der Angst.

In den letzten Nächten ging es mir mehr als dreckig. Diese Nacht ist ebenfalls nicht die beste. Sie ist vllt nicht so schlimm wie die gestrige, aber… Nein, anders. Sie ist anders. Ich kann meine Angst benennen. Sie hat einen Grund. Nein, sie hat keinen Grund, aber es ist zumindest etwas Benennbares.

Die letzten Nächte waren mehr.. ein innerer Druck gepaart mit einer ordentlichen Portion Depression & Welthass Selbsthass. Das Gefühl, dass irgendwas unter der Oberfläche lauert, raus will, die Haut irgendwann zum Bersten bringt. Tut sie aber eben nicht & so bleibt dieses Gefühl. Das ist anstrengend, tut weh & geht nicht weg. Nicht mit vertretbarer Ablenkung (Gespräche, Spielen, TV, lesen, etc.) & auch nicht, wenn man sich bei -10°C im T-Shirt auf den Balkon stellt. Ich dürfte mich, wenn ich mich recht erinnere, nun drei oder vier Jahre nicht selbst verletzt haben. Nein, so ist es egtl falsch beschrieben. Ich habe mich seit drei oder vier Jahren nicht mit spitzen/heißen Gegenständen verletzt. Sicher habe ich wohl das ein oder andere selbst schädigende Verhalten in den letzten drei, vier Jahren mal durchgekaut.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir unglaublich schwer, nicht auf irgendeine Weise verletzend an mir rum zu hantieren. Nicht, weil ich meine, ich müsse mich nun unbedingt selbst verletzen, sondern weil ich das Gefühl hab, dass so der innere Druck verschwindet. Was egtl so ziemlich das Selbe ist, vermutlich. Kluge Menschen, & für ganz dumm halte ich mich nicht, würden vermutlich nun sagen, dass ich wohl erstmal herausfinden soll, wo dieser Druck herkommt, um ihn zu bekämpfen. & soweit war ich auch schon. Weil ich Nachdenken so gut finde, habe ich mir ein bisschen den Kopf zermartert, um auf genau 0 (in Zahlen: null) Hintergründe zu kommen, wo es denn nun herkommt. Außer den üblichen Gründen, die aber meist vorherrschen, ohne so etwas hervorzurufen.

Also habe ich letzte Woche beschlossen, dass ich diese Woche zur Arbeitsagentur gehe, weil bis jetzt immer noch kein Brief vom Reha-Team eingetroffen ist. Meine Anträge & Schweigepflichtsentbindungen habe ich kurz vor Weihnachten abgegeben, was somit auch wieder gut anderthalb Monate her ist. Meines Erachtens könnten sie sich mittlerweile mal gemeldet haben. ich bin mir zwar durchaus bewusst, dass ich vermutlich nicht der einzige kaputte Mensch in dieser Stadt bin & sie sich genug zu tun haben, aber anderthalb Monate ohne Meldung ist eben auch eine ordentliche Zeit. Also gehe ich da diese Woche hin. So der Plan. & so sitze ich hier nun seit gestern Abend (nicht durchgängig) & scheiße mir vor Angst fast in die Hosen.

In der Klapse haben sie gesagt, dass Angst letztendlich mit dem Gedanken zu Sterben einhergeht. Also wirkliche Angst. Das heißt nun für mich im Umkehrschluss, dass ich entweder nie wirklich Angst hatte oder ich mich einfach nur wahnsinnig anstelle. Selbst als ich wegen der Angst in der eben dieser Institution war, war es nie so, dass ich glaubte, an der Angst zu sterben, wenn ich mich den gefürchteten Situationen stelle. Ich hatte zwar immer unglaubliches Herzrasen & ähnlich unangenehme Symptome, aber die Befürchtung in dieser Situation zu sterben war nie da. In Ohnmacht zu fallen ganz sicher, sogar mehr als einmal, was vermutlich nicht verwunderlich ist, wenn der Kreislauf komplett verrückt spielt. Aber Angst zu sterben, nein. Ich wüsste auch nie wie oder voran. Ich kann & konnte die Sache mit der Angst ja auch ganz rational sehen & wusste, dass mir nichts passiert.

Jetzt will ich da also heute hin, genauer gesagt in knapp zwei Stunden & drehe, wie schon den Rest des Abends & der Nacht, komplett am Rad.
Rational hat das Ganze den Zweck, zu fragen, wie es denn mit meiner Reha aussieht. Check.
Wie es in meinem Kopf aussieht:
„Oh Gott, jetzt muss ich an der Information fragen, wo sich das Reha-Team befindet (& ja, ich erachte das schon als belastend, aus welchen Gründen auch immer). Wie sieht das denn aus, wenn ich da einfach ohne Termin auflaufe? Vermutlich lauf ich genau dann da auf, wenn grad jemand da ist. Klopfe, höre das Nein nicht & latsche in eine mehr als unangenehme Situation rein. & was ist, wenn der Mensch unfreundlich (=auf mich einschüchternd) ist? & was ist, wenn sich das alles in die Länge zog, weil ich was falsch gemacht habe? Dann muss ich mich rechtfertigen. & womit? Dieser Mensch wird nur Schlechtes von mir denken. Oder er wird denken, ich würde glauben, sie würden nichts zu tun haben, nur weil ich eben nichts zu tun habe. Oder wieso ich einfach so aufgelaufen komme. & wie zur Hölle soll ich überhaupt formulieren, weswegen ich da bin? Wo ich ja so super kurz erklären kann, was ich will, ohne mich ca. 93729 Mal zu verhaspeln. Verfluchte Scheiße, ich kann da nicht hingehen!“ Gedanken Ende.

Nachdem diese Gedanken dann erstmal ordentlich gedacht sind, setzen relativ schnell Gedanken an Flucht & Vermeidung ein. Heißt im Endeffekt: Ich vermeide es hinzugehen -> Ich hasse mich noch einen Ticken mehr, weil ich Dinge nicht schaffe -> Ich will vor meinen Ängsten flüchten -> unmöglich, da man seine Ängste mitschleppt -> Ich bin unfähig zu leben & verdiene es nicht -> zur Not kann ich immer noch sterben. Also ist das mit Angst & Sterben wohl doch kein so großes Gerücht.

Letztendlich weiß ich, dass ich hingehen sollte. Denn wenn ich selbst das nicht mal geschissen bekomme, wie soll ich dann diese Reha durchstehen? Nun bleibt es mir halt nur noch zu sagen, dass mir nichts passieren wird, ich nicht ohnmächtig werde,  es mir total rille sein kann, was die Menschen von mir denken, & ich somit zwei gute Dinge tue: Mich meiner Angst stellen & was für meine Zukunft tun. Es ist unglaublich irre, wie ich selbst innerlich das Wort Zukunft ironisch aus“spreche.
Vllt ist das auch einfach eine ganz hervorragende Rechtfertigung für mich, dass ich selbst konzentrationsmäßig absolut nichts mehr geschissen kriege.

Ach ja: Hört euch den Walk the Line-Soundtrack an, er ist großartig. Wenn auch nicht so großartig wie Mr. Cashs Oringinalgesinge.

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~ von Miss Ann Thropy - 7. Februar 2012.

3 Antworten to “Die Sache mit der Angst.”

  1. Indem du deine Angst begründest, oder sie versuchst zu begründen, bietest du mir auch wieder „Motivation“, mich mit meiner eigenen Angst auseinander zu setzen. Ein Thema, das immer hintergründig lauert; etwas, was immer da ist und mit dem ich mich dann so wenig wie möglich konfrontiert wissen will.
    Bei mir ist es diese multiple Angst, unkontrolliert und lähmend. Genau wie bei dir.
    Und setzt ähnliche „Kräfte“ frei. Ich male mir nicht nur einen, sondern hunderte worst case Szenarien aus. Was ja sehr absurd ist, dass man sich mental bis ins grausamste Detail mit dieser Angst beschäftigt, mit ihr durch den schwersten Sturm zieht, und dann im real life haltlos die Flucht ergreift.
    Ok. Bei mir ist es in den meisten Fällen eine vollkommene Starre: ich erstarre vor Angst. Und so findet bei mir keine sicht- und messbare Handlung statt. Ich „leide“ und erleide. Aber ich unternehme nichts. Angst macht mich absolut handlungsunfähig.

    Die Nächte sind am schlimmsten. In denen man Ablenkung sucht und doch nur die Minuten bis zum Morgen zählt. Ich kann dich gut verstehen, und auch die Ablenkungsversuche, diese krampfhaft aktivistischen Ausweichmanöver, die dann doch wieder nur in der Angst enden.

    Das Idiotischste, was man dann zu mir sagen kann, ist: „Wird schon alles nicht so schlimm.“ Na klar, weil die Anderen meine Ängste nicht kennen. Wenn man die Angst klein geredet bekommt, wird sie noch größer. Und man stellt sich die Frage, ob die „Anderen“ überhaupt jemals verstanden haben, wer man ist.

    Nüchtern betrachtet, stimmt das sogar: oft untertreffen die gedanklichen Horrorszenarien die Wirklichkeit, und alles ist dann doch nur „halb so wild“. Andererseits habe ich auch schon das genaue Gegenteil erlebt: es kam alles noch unerbittlicher und gnadenloser, als ich es mir vorgestellt habe.

    Wie es auch wird: ich wünsche mir, dass es dir gelingt, deine Angst zu besiegen. Und dass diese Schwachköpfe von der Arbeitsagentur „nur“ mal wieder unfähig waren, deinen Antrag zeitlich angemessen zu bearbeiten.

    Ich denke an dich.

    Und ja: der Walk:The:Line:Soundtrack ist großartig. Den Original_Johnny Cash,-vor allem in seinen späten Jahren-, finde ich aber genauso brillant. „Hurt“ ist für mich auch nach dem 1000. Mal Hören ein makelloser tearjerker.

    Alles „Liebe“,
    Frank

  2. Und? Warst Du? Wenn ja – und? Wenn nein – und? Wenn und? Ja – und wenn Nein: … jetzt Du!

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